Ein Gewitter reinigt

Ein Gewitter reinigt

Wenn sich was zusammenbraut und sich der Himmel verfinstert, droht ein heftiges Gewitter.

Ist dann die kosmische Katastrophe vorbei, können wir aufatmen – in einer gereinigten, klaren Luft. Während die Natur ihre eigenen Gesetze hat und sich immer wieder erneuert, verharren wir Menschen oft hilflos in der angespannten zwischenmenschlichen Atmosphäre. Wir spüren die geladene Stimmung und sind kaum imstande, angemessen und konstruktiv zu reagieren.

Die meisten Ehen gehen auseinander, weil beide Partner jahrelang keine ehrliche Aussprache hatten, weil sie Meinungsverschiedenheiten oder Kränkungen allenfalls verschlüsseln und den anderen auflaufen lassen. „Is was?“ – „Nee, was sollte schon sein?“ Oder so was: Meine Frau redet und redet und redet den ganzen Tag. Unerträglich! – Was redet sie denn? – Na das sagt sie ja nicht!

Die von Jesus vorgelebte Streit- und Vergebungskultur haben wir nie gelernt. Sind wir gekränkt, setzen wir die Kränkung als Waffe ein und bedienen uns eines weiteren Arsenals: Schuldzuweisung, Liebesentzug, Drohung, Mobbing…. Das einfachste der Welt wäre ein sachliches Gespräch „Lasst uns reden, wir haben uns verletzt!“ Wir tun es aber nicht.

Als meine Oma den Opa mit Redeverweigerung bestrafen wollte, kramte mein Opa in allen Schubladen und suchte etwas. Genervt davon, fragte die Oma: Was suchst du denn da? Und Opa antwortete: Na, gottseidank, ich hab sie gefunden! – Was? – Deine Stimme.
Humor ist die beste Methode dicke Wolken wegzuschieben. Dennoch müssen wir alle lernen, über Missverständnisse, Frustrationen und Kränkungen zu reden. Oftmals sind wir gar nicht gemeint, wenn andere uns anpöbeln. Sie meinen vielleicht Personen aus ihrer Vergangenheit und verschieben den Zorn auf uns.
Wer lebenslänglich alte Demütigungen ansammelt, wird rasch beleidigt sein bei den geringsten Anlässen; er hat einen stand-by-Zorn. Da brauchen wir nur ein kleines Wort zur falschen Zeit zu sagen oder eine kleine Kritik zur richtigen Zeit, und der andere explodiert. Ich bin nicht die Ursache dieses Gewitters, sondern nur der Auslöser.

Was nicht ausgesprochen wird, kann nicht geheilt werden. Was nicht vergeben wird, kann auch mir nicht vergeben werden. Deshalb sind faires Streiten und baldiges Verzeihen christliche Zwillinge. Goethe sagte einmal: Ich verstehe nicht, dass es Menschen gibt, die abends zu Bett gehen, ohne sich zu verzeihen. Tun SIE es! Es lebt und stirbt sich leichter.

Über den Autor/ die Autorin

Pater Dr. Jörg Müller SAC

Pater Dr. Jörg Müller SAC stammt von Bernkastel-Kues an der Mosel (geb 1943). Er durchlitt die Schulzeit, ist zweimal sitzengeblieben, und hat sich dann in den Studien der Theologie , Philosophie und Pädagogik (Trier, Innsbruck), Psychologie und Pathologie (Salzburg) davon erholt. Er war Lehrer an verschiedenen Schulen in Trier, Salzburg, Tamsweg und Saarburg, dann Psychotherapeut mit eigener Praxis, bis ihn der Frust packte und er in Tunesien eine T-Shirt-Fabrik baute. Vom Partner betrogen,  kehrte er zurück nach Deutschland und trat in die Gemeinschaft der Pallottiner  ein. Das war 1989 am Tag des Mauerfalls. Im Pallotti Haus Freising gründete er die Heilende Gemeinschaft, eine stationäre, therapeutische Einrichtung für Menschen in seelischer Not. Inzwischen hat er über 60 Bücher geschrieben und 4 Lied-Cassetten herausgebracht; er ist unter anderem auch als Kabarettist  unterwegs.

2018-10-11T11:04:00+00:0011. Oktober 2018|Kategorien: Allgemein, Christ-Sein im Alltag|Autoren: Pater Jörg Müller SAC|0 Kommentare

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