Was nehmen wir wahr?

Türe auf oder zu?

Es war in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Ein kleines Dorf im sogenannten „Dachauer Land“. Diese Landschaftsbezeichnung war damals wegen der Nazizeit noch mit einer kollektiven Scham belastet. Eine alte Frau, die ich schon länger kannte, wagte ich einmal vorsichtig zu fragen: „Sie sind hier, cirka 30 Kilometer von Dachau entfernt, aufgewachsen und haben immer hier gelebt. Was haben Sie und die Leute hier im Dorf in der Nazizeit vom KZ Dachau gewusst?“ Ihre Antwort kam sehr spontan: „Jo mei, wir wussten, wenn einer ein loses oder freches Maul hat oder arbeitsscheu ist, dann kommt er nach Dachau. Am Stammtisch hieß es: ‚Wenn du jetzt nicht still bist, dann landest in Dachau!‘ Mehr wussten wir nicht – höchstens ein paar Gerüchte.“

Dann kam der 26. April 1945. Im Konzentrationslager Dachau kommandiert die SS Tausende Häftlinge auf dem Appellplatz zusammen. Juden, sogenannte „Reichsdeutsche“, Tschechen und Polen, Gefangene aus der Sowjetunion. Männer, Frauen und Kinder. In Kolonnen werden sie ins Umland getrieben, damit sie den anrückenden Alliierten verborgen bleiben. Auch pallottinische Mitbrüder sind dabei, unter anderem Wilhelm Poiess und Heinrich Schulte. Mindestens 1000 der geschwächten und unterernährten Häftlinge sterben auf diesem Weg ins Ungewisse.

Die alte Frau erinnerte sich, dass sie am Tag darauf, am 27. April 1945 und auch noch am folgenden Tag einen Menschenstrom von Dachauer ‚Schutzhäftlingen‘ beobachtete, der sich durch das Dorf schleppte. Sie sagte: „Wir haben die Haustür zugeschlossen, die sonst meist geöffnet war. Wir hatten Angst, dass da so ein KZ’ler ins Haus kommt. Da waren doch auch Kriminelle darunter, Männer mit ansteckenden Krankheiten, mit Lungen-Tbc und Ruhr. Wir hatten doch alle selbst unsere liebe Not, um über die Runden zu kommen. Ich habe zwei Söhne im Krieg verloren.“

An dieses Gespräch muss ich heute, 75 Jahre danach, wieder denken. Es ruft Fragen in mir hervor. Damals beobachtete diese Frau den Marsch vieler Todgeweihten von ihrem Haus aus – mit Angst und schlechtem Gewissen zugleich.
Was sehe ich in diesen Corona-Tagen, in denen ich die meiste Zeit zu Hause bin? Verändert und eingeschränkt ist meine unmittelbare Wahrnehmung.

Wieviel Not und Elend von Menschen ist hinter Haus- und Wohnungstüren eingeschlossen? Dieser Tage ist eine gute Freundin von mir, hochbetagt mit 91 Jahren, in einem Heim verstorben. Ihr geistig behinderter jüngster Sohn, der in einer Behinderteneinrichtung lebt, fing an zu randalieren, weil er nicht verstehen konnte, dass er bei der Beerdigung seiner Mama nicht dabei sein durfte.

Und das Fragen geht weiter. In der Aufmerksamkeit der Medien sind viele Themen nach hinten geschoben oder einfach ganz ausgeblendet. Von vielen Kriegen und Konflikten und Flüchtlingsschicksalen, die es ja leider weiterhin gibt, lese, höre und sehe ich derzeit kaum etwas.

„Wir haben doch alle selbst unsere liebe Not, um über die Runden zu kommen.“ So sagten die Menschen vor 75 Jahren. So sagen auch heute wieder viele. Aber im Blick auf unser eigenes Interesse sagt Bundesminister Gerd Müller zu Recht: „Wenn wir heute Afrika nicht helfen, werden wir morgen nicht mehr leben.“ Das lässt sich auf viele weitere Gebiete übertragen.

 

Bild: Dmytro Aliokhin Adobe Stock

Über den Autor/ die Autorin

Pater Peter Hinsen SAC

geboren 1944 in Friedrichshafen, seit 1971 Priester in der Gemeinschaft der Pallottiner. Nach vielen Jahren in der Erwachsenenbildung, in der Priesterausbildung und als Autor von Büchern und Zeitschriften (u.a. „das zeichen“) jetzt seit  2011 Seelsorger an der Wallfahrtskirche „Herrgottsruh“ in Friedberg b. Augsburg.