Eingemischt von Pater Peter Hinsen SAC

„Mach weiter so!“

Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, hat Anfang Juni dem Papst wegen des Missbrauchsskandals in der Kirche seinen Amtsverzicht angeboten, aber Franziskus lehnte postwendend ab.

Man kann in keinen Menschen hineinschauen, aber der anschließende Brief des Kardinals an die Gläubigen seines Erzbistums lässt einiges erahnen. “Seit dem Jahr 2010 weicht für mich nicht der Schock, dass dies Schreckliche von Amtsträgern und Mitarbeitern der Kirche geschehen ist und wir Bischöfe das möglicherweise nicht immer intensiv genug gesehen haben oder sehen wollten… Wir müssen Konsequenzen daraus ziehen!“

Dass sich etliche einflussreiche Bischöfe und Kreise der deutsche Kirche vehement gegen eine Veränderung der Strukturen wehren, war vermutlich schon vor Monaten ein Grund für den Verzicht des Kardinals auf den Vorsitz der Bischofskonferenz und für die Spende der Hälfte seines Privatvermögens für die Missbrauchsopfer. Er wollte ein „Weiter so“ nicht mitverantworten.

Nun steckt der Kardinal in einem Dilemma, das dem vieler Seelsorger ähnlich ist. Der Papst stimmt Kardinal Marx zu, dass sich die Kirche weltweit und auch in Deutschland in einer Krise befinde: „Die Kirche kann jetzt keinen Schritt nach vorn tun, ohne diese Krise anzunehmen. Die Vogel-Strauß-Politik hilft nicht weiter, und die Krise muss von unserem österlichen Glauben her angenommen werden… Die Krise anzunehmen, als einzelner und als Gemeinschaft, das ist der einzige fruchtbringend Weg; denn aus einer Krise kommt man nur in Gemeinschaft heraus, und außerdem müssen wir uns klar machen, dass man aus der Krise als ein besserer oder als ein schlechterer Mensch hervorkommt, aber niemals unverändert.“

Also weitermachen, aber wie?
Marx ist gehorsam, doch ist es Trotz oder Ohnmacht oder Verantwortung, wenn der Kardinal erwidert: „Für mich ist damit die Angelegenheit nicht erledigt, sodass ich einfach weitermache als sei nichts geschehen… Sollte ich diesen Dienst nicht mehr erfüllen können, dann wäre es an der Zeit … zum Wohl der Kirche meinen Amtsverzicht erneut anzubieten“?
Zuletzt hat der Kardinal immer wieder betont, dass die Seelsorger nicht nur Funktionäre sein sollen, sondern bereit, mit allen Kräften, auch mit den Grenzen in die Not, in die Wirklichkeit der Menschen hineinzugehen. Die Notwendigkeit zu mutigen Reformen kann nicht mehr geleugnet werden, aber gleichzeitig meldet sich der geradezu familiäre Wunsch, das Ansehen und den Bestand der Kirche zu schützen. Ist dieser Spagat auf Dauer auszuhalten? Die Sorge um die Einheit verbindet selbst widerstrebende Gruppierungen in der Kirche, doch darf sie so dominieren, dass Reformen auf die lange Bank geschoben werden müssen oder gar auf der Strecke bleiben? Es ist zu spüren, dass auch der Papst im Sprung gehemmt ist, das zu tun, was er tun will. Er empfiehlt seinem Bruder in München und wohl allen im kirchlichen Dienst wie Petrus zu sagen: „Herr, du weißt alles, auch um meine Schuld, Mitschuld, meine Fehler oder Unterlassungen, aber du weißt auch, dass ich dich liebe!“ Wir kennen die Antwort des Herrn: „Weide meine Lämmer!“ Seine verzeihende Barmherzigkeit schenkt Kraft und Zuversicht zum Weitermachen, aber anders – auch wenn die Welt diese Barmherzigkeit nicht schätzt.

 

Foto: Gina Sanders /Adobe Stock

Über den Autor/ die Autorin

Pater Peter Hinsen SAC

geboren 1944 in Friedrichshafen, seit 1971 Priester in der Gemeinschaft der Pallottiner. Nach vielen Jahren in der Erwachsenenbildung, in der Priesterausbildung und als Autor von Büchern und Zeitschriften (u.a. „das zeichen“) jetzt seit  2011 Seelsorger an der Wallfahrtskirche „Herrgottsruh“ in Friedberg b. Augsburg.