
Eine Frau bewegt die Kirche
Katharina von Siena war eine Frau mit Einfluss in einer männlich geprägten Welt. Ihr Wirken beeinflusst bis heute die Debatte um die Rolle der Frau in der Kirche. Unter dem guten Vorzeichen der Freiheit versteht Katharina von Siena ihr Leben und das Leben der Menschen. Sie ist ein Kind des 14. Jahrhunderts mit seinen Schwierigkeiten und Krisen.
Sie sieht die ungeheure Würde, die dem Menschen durch Intelligenz und freien Willen geschenkt ist, bedroht durch Angst und sklavische Furcht. Diese halten Menschen klein und degradieren sie zu Knechten. Wie Franziskus von Assisi sich gut hundert Jahre vor ihr die Armut zur Braut erkoren hat, so erwählt sich jetzt Katharina Frau Freiheit. Ihr außerordentlicher Freimut, mit dem sie sich in einer männlich geprägten Welt bewegte, gründet in einer Vertrautheit und tiefen Verbundenheit mit Gott und beeindruckt bis heute.
Leben mit Gott
Schon als Kind beschließt Katharina nach einer Christusvision, ihr Leben ganz Gott zu widmen. Als junge Frau von 17 oder 18 Jahren tritt sie in Siena den sogenannten Mantellatinnen bei, einer Gruppe von gottesfürchtigen Frauen, benannt nach dem Mantel, den sie trugen. Die Frauen folgten unterschiedlicher Spiritualität. Katharina lebt nach der Spiritualität des hl. Dominikus und wird Laiin in der Gemeinschaft des Predigerordens der Dominikaner. Eine tiefe Vertrautheit und Verbundenheit mit Gott ist Grundlage ihres Lebens und findet ihren Ausdruck in ihrem Hauptwerk, dem „Dialog der göttlichen Vorsehung“. Dieses Werk der 30-Jährigen ist ein tiefgründiger Dialog zwischen Gott und der menschlichen Seele, diktiert während ihrer Visionen. Zunächst lebt sie zurückgezogen in einem kleinen Zimmer im Haus ihrer Eltern, wird dann aber von Gott aus dieser Beschaulichkeit herausgerufen zum Dienst an den Menschen. Durch die Nächstenliebe, die ihr zuteilwird, soll sie nicht von Gott entfernt, sondern stärker mit Gott verbunden werden. Gottes- und Nächstenliebe sind wie zwei Füße, mit denen man auf der Erde wandelt, und wie zwei Flügel, die einen zum Himmel emporheben. Bereits als junge Mantellatin eilt ihr der Ruf voraus, eine Meisterin des geistlichen Lebens zu sein. Als gesuchte Ratgeberin konnte sie viele Kontakte zu Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen knüpfen, von zum Tode verurteilten Gefangenen bis hin zu hochgestellten Kirchenfürsten. Zeitlebens muss sie sich in einer männlich geprägten Welt gefallen lassen, dass ihr gesagt wird, was das denn solle, dass sie so viel in der Welt herumreise. Als Frau möge sie doch bitte schön in ihrer Zelle bleiben, wenn sie Gott dienen wolle. Katharina hat das für ihre Zeit übliche, nicht gerade positive Frauenbild übernommen. In großer Dankbarkeit und Freude weiß sie sich aber auch als Frau wie alle Menschen als Abbild Gottes geschaffen und mit der Würde von Intelligenz und freiem Willen ausgestattet. So vermag sie zu ihrem Frausein in einer männlich geprägten Welt zu stehen, aber auch in aller Demut im „süßen Spiegel Gottes“, wie sie es nennt, zu ihren Fehlern, Sünden und Schwächen.
Das Geschenk der Freiheit
Die Würde, die dem Menschen durch Intelligenz und freien Willen geschenkt ist, sieht Katharina durch Angst bedroht: Angst vor anderen Leuten, davor, wie andere über uns denken, Angst vor Versagen, vor dem Tod, vor Gott. Letztlich ist es die Angst, die Menschen kleinhält und gefügig macht, damals wie heute. Dagegen setzt sie die Kraft des freien Willens, durch den wir Ja oder Nein sagen können. Katharina nimmt sich die Freiheit, Ja zu Gott zu sagen, mit einem entsprechenden Leben, und Nein zu einem gottvergessenen Leben. Die Menschen mögen doch nie vergessen, zu welcher Würde sie als Abbild Gottes mit Intelligenz und freiem Willen berufen und befreit sind. Diese Würde kann ihnen nichts und niemand nehmen. So wird sie nicht müde, dafür Sorge zu tragen, dass Menschen nicht wieder in Unfreiheit fallen, aus Angst oder Furcht. Deshalb ist es ihr wichtig, Gott einen festen Platz im Leben zu geben und ihm einen Ort in Gesellschaft und Welt zu sichern. Sie nimmt sich die Freiheit, ein Segen zu sein, besonders für Arme, Schwache und Sünder. Vor allem nimmt sie sich die Freiheit, als Frau und Laiin zu predigen, ohne Amt, aber dennoch kraft- und wirkungsvoll. In großer Freimütigkeit schreibt bzw. diktiert sie Briefe, auch an Päpste und Kirchenfürsten. Sie möchte das abendländische Schisma beendet wissen, das zu zwei, zeitweise sogar zu drei Päpsten geführt hat. Sie braucht keine Kanzel, um die Wahrheit zu sagen und voller Leiden an der von ihr so geliebten Kirche anzuprangern, was in ihr unheil ist und Unheil bringt.
Katharinas Einfluss auf Debatten heute
Katharina von Siena ist eine Frau des Spätmittelalters und nur 33 Jahre alt geworden. Dennoch wird die Mystikerin Gottes und Predigerin der Freiheit kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zur Kirchenlehrerin erhoben. Sie ist eine prophetische Stimme, auch heute noch in einer leider immer noch männlich geprägten Welt und Kirche. Das, was Frauen und junge Menschen zu sagen und manchmal anzuprangern haben, darf nicht einfach überhört und abgetan werden, oft zum Schaden von Gesellschaft, Welt und Kirche. Auch Frauen sind berufen, im Namen Gottes zu handeln und auch in Kirche und Predigt freimütig zu sagen, was sie als Wahrheit erkannt haben.
Foto: Joseph Adobe Stock (Hoy Name of Jesus Cathedral, USA)
Persönliche Anmerkung der Redaktion:
Am 19. Februar 2026 verstarb unser Mitbruder, Pater Heinz Willi Rivert SAC, am Altar während der morgendlichen Eucharistiefeier. Sein Herz schlug stets für die sozial Schwachen und die unter die Räder Gekommenen. In Wort und Tat war er sein Leben lang allen Menschen zugewandt. Auf eingmischt.org hat er sich viele Jahre lang zu aktuellen Themen, Fragen und Problemen zu Wort gemeldet. Dies ist sein letzter Beitrag.
Über den Autor/ die Autorin

Pater Heinz-Willi Rivert SAC
Geboren 1960 in Rheinbach bei Bonn. Katholischer Priester in der Gemeinschaft der Pallottiner, Diplom in Theologie und in Psychologie. Ehemals in der Jugend-, Pfarr-, Schul- und Hochschulseelsorge tätig, kurz nach der Wende von 1989 auch für drei Jahre im Bistum Erfurt. Seit 2020 lebte er im Missionshaus der Pallottiner in Limburg/Lahn und war tätig in der Seelsorge, in religiöser Erwachsenenbildung und in der freien Mitarbeit bei verschiedenen Publikationen.
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