Tag der deutschen Einheit 2020

30 Jahre Deutsche Einheit

Die deutsche Einheit, sie war und ist das bleibende Verdienst mutiger Menschen im Osten des heutigen Deutschland, im Gebiet der ehemaligen DDR. Menschen, die nach 1990 geboren wurden, kennen Deutschland nicht anders, als es heute ist, mit seinen 16 Bundesländern in Nord und Süd und in Ost und West.

Unter dem Dach der Kirchen hatte man sich in der DDR schon länger zu Friedensgebeten zusammen gefunden. Immer größer war die Unzufriedenheit mit dem regierenden SED-Staat und mit der Bespitzelung durch die Stasi geworden. Wahlen waren im Sinne der Staatsführung manipuliert worden. So kam es 1989 nach den Friedensgebeten zu Protestmärschen gegen die Regierenden, vor allem in den größeren Städten. Doch das Wunder geschah: die Protestmärsche blieben friedlich, obwohl die Staatsmacht zu gewaltsamem Durchgreifen bereit war. Die Mauer in Berlin und mit ihr die innerdeutsche Grenze fiel am 9. November 1989. Sie hatte seit 1961 Deutschland und die Welt geteilt: in einen kommunistischen Osten unter Führung der Sowjetunion und in einen demokratischen marktwirtschaftlich orientierten Westen unter Führung der USA.

Später bekannte man auf Seiten der Regierenden in der DDR: wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete. Christen deuteten die Ereignisse mit Worten aus den Psalmen und der Bergpredigt. Psalm 126: Als der Herr das Geschick Zions wendete, da waren wir wie Träumende. Groß hat der Herr an uns gehandelt. Da waren wir voll Freude. Menschen bekannten damals, dass sie das, was geschehen war, wie ein Wunder erlebt hatten und wie eine Lektion in Bergpredigt, die Menschen selig preist, die keine Gewalt anwenden, die friedfertig sind und die Hunger und Durst haben nach Gerechtigkeit. Die Menschen damals hatten aber durchaus auch große Angst vor einer chinesischen Lösung. Denn dort waren im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens Proteste der Demokratiebewegung gewaltsam und blutig niedergeschlagen worden. Bei aller Dankbarkeit für das Wunder der friedlichen Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands bleibt die immer noch die schmerzende Wunde, dass Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg mit Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen am 03.10.1990 dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der „alten“ Bundesrepublik Deutschland beigetreten sind bzw. beitreten mussten. Denn unter dem Druck der Verhältnisse damals war einfach nicht genügend Zeit für die Ausarbeitung einer neuen gesamtdeutschen Verfassung, in der auch die Erfahrungen von 40 Jahren Lebensgeschichte der Menschen in der ehemaligen DDR Eingang gefunden hätten. Im Westen war ja alles besser, sagt man bis heute ziemlich vorwurfsvoll, und leider ist tatsächlich der Osten der heutigen Bundesrepublik Deutschland ziemlich vom Westen überrollt worden.

Dieses Gefühl von „Besserwessi“ und „Jammerossi“ scheint immer noch unterschwellig vorhanden zu sein. Es ist meiner Meinung nach eine der Bedingungen, die rechtextremes Denken in den östlichen Bundesländern begünstigen. Die Ereignisse von 1989/1990 in unserem eigenen Land lassen uns heute deutlicher und solidarischer blicken auf die Protestbewegungen unserer Tage, etwa in Honkong oder Belarus. Gott sei Dank gibt es derzeit auch dort Menschen mit großem Mut, die herrschendem Unrecht trotzen und sich zur Wehr setzen. Es bleibt zu wünschen, dass auch ihr Mut und ihr Einsatz sich lohnen, wie bei uns vor 30 Jahren.

Foto: Tobias Machhaus Adobe Stock

Über den Autor/ die Autorin

Pater Heinz-Willi Rivert SAC

Geboren 1960 in Rheinbach bei Bonn. Katholischer Priester in der Gemeinschaft der Pallottiner, Diplom in Theologie und in Psychologie. Ehemals in der Jugend-, Schul- und Pfarrseelsorge tätig, kurz nach der Wende von 1989 auch für drei Jahre im Bistum Erfurt. Seit 2014 tätig in der Hochschulseelsorge und in der Erwachsenenbildung an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar bei Koblenz.