Wort zum Welt-Aids-Tag

„Der Herr hat sein Volk getröstet und sich seiner Armen erbarmt!“ (Jesaja 49,13) – Der Welt-Aids-Tag, der in jedem Jahr am 1. Dezember begangen wird, lädt uns ein, dieser Verheißung des Propheten Jesaja auch heute zu trauen. Ich jedenfalls möchte mit diesen Worten des Propheten all denen, die direkt oder indirekt vom HIV-Virus und der Krankheit Aids betroffen sind – Mut machen, denn – so sagt der Prophet: Gott ist gerade auch Euch in besonderer Weise nahe, darauf dürft Ihr vertrauen!

Stellen Sie sich einmal eine Situation vor, in der ein Mensch ruft: „Oh mein Gott, ein Mensch!“ Mir gehen einige Bilder durch den Kopf, zu denen dieser Ausruf passen könnte. Mit Blick auf die vergangen Wochen stelle ich mir etwa auch Teilnehmer von Rettungsmannschaften vor, die in der Katastrophensituation der Erdbeben in Mittelitalien nach verzweifelter Suche plötzlich bei einem Überlebenden stehen und erleben dürfen, dass ihr Einsatz Sinn macht: „Oh mein Gott, ein Mensch!“

Ich stelle mir vor, wie den beteiligten Soldaten und Mördern im Syrien-Krieg, etwa in Aleppo, zwischendurch einmal bewusst wird, dass hinter ihren Kämpfen, ihrem mörderischen Bombardement und vor ihren grausamen Terroranschlägen immer Gesichter zu sehen sind, – Betroffene, die wegen eines politisch-religiösen Fanatismus und verschiedener irrgläubiger Ideologien vielleicht oder ganz sicher Schicksalsschläge erleiden müssen: „Oh mein Gott, ein Mensch!“

In wenigen Wochen schauen wir erneut in die Krippe im Stall zu Bethlehem und dieser Satz bekommt noch einmal eine ganz andere Bedeutung: „Oh mein Gott, ein Mensch!“ – Gott wird Mensch, er wird einer von uns, er solidarisiert sich – und das nicht in Prunk und Protz, sondern in sehr uncharmanten Verhältnissen: Ein Stall muss herhalten für den Moment der Geburt – das ist nicht die klinisch saubere Situation eines Kreißsaales. Die erste Gesellschaft Jesu waren nicht Kinderärzte und Hebammen, sondern Ochs und Esel,  – und ein wenig später heruntergekommene Hirten und deren Herden. Nein, ein Kommen Gottes in die Gegenwart der damaligen Zeit hat sich wohl keiner so vorgestellt: Der Sohn Gottes – armselig, schwach und hilflos.

Der Höhepunkt von Gottes Heilsplan – und dann so eine Pleite? Das kann doch nicht wahr sein … Ja, es ist wahr! Und: Das ist Gottes Programm! Wenn Gott sich solidarisiert, wenn er selbst Mensch wird, dann passiert das nicht zuerst mit den Mächtigen, mit den Starken, den Gesunden, den Reichen und Glücklichen. Wenn Gott Mensch wird, dann steht da als erstes die Solidarität mit den Menschen, mit den Schwachen und Kranken, den Leidenden und Verzweifelten, die nichts mehr haben als diesen Gott.

„Oh mein Gott, ein Mensch!“ – „Oh, mein Gott, dieser Mensch!“ – So verändert sich und klingt dann später das Wort von Pontius Pilatus, der Statthalters von Jerusalem, der Jesus verurteilen soll und eigentlich nicht weiß, warum. Wenn wir bald Weihnachten feiern, dann beginnt das, was am Kreuz vorläufig endet: die Lebensgeschichte eines Mannes, der in dieser Welt Mensch werden ließ, was Gott mit ihr vorhatte. Ein menschliches Gesicht sollte diese Welt bekommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und damit ist noch lange nicht Schluss. Denn: Was in der Krippe im Stall von Bethlehem begonnen hat und am Kreuz auf Golgatha scheinbar so grausam endete, das hat in der Auferstehung Jesu eine Kraft bekommen, die bis heute die Welt verändern kann.

Denn wenn Gott seine Solidarität mit uns Menschen zeigt, wenn er selbst die Verzweiflung, die Angst, die Not der Menschen kennen lernt, dann kann die Folge nicht einfach ein Fest sein, an dem es von Süßigkeit, Kitsch und Glühwein-Seligkeit nur so trieft. Wenn Gott uns auf die Pelle rückt, wenn er uns an sich heran lässt, wenn er unsere Nähe sucht, wenn er mit uns solidarisch ist, dann kann es nicht einfach nur um ein nettes Weihnachtsgeschenk gehen, dann ist das auch eine Gabe, eine Aufgabe, die über den Welt-Aids-Tag, über die Adventszeit und Weihnachten hinaus Bestand hat.

Und hier kommen wir als Christinnen und Christen ins Spiel, als Menschen, die sich ebenfalls solidarisch zeigen. Da dringt dann der Ruf auch an unser Ohr: „Oh, Mensch – da ist dein Gott!“ Die Menschwerdung Gottes geschieht in der Zeit und in der Menschheitsgeschichte, das Matthäus-Evangelium beschreibt sogar in aller Ausführlichkeit einen Stammbaum Jesu. Und damit soll uns gesagt sein: Gott ist nicht irgendeine unfassbare Idee, sondern er ist ganz konkret. Dieser Gott will weitergetragen werden durch kommende Zeiten – mit unseren Händen, mit unserem Einsatz, durch unsere Ideen. Dieses Ereignis von Bethlehem, die Menschwerdung Gottes in dieser Welt, soll weiter gehen: Das ist unsere Aufgabe. Gott will auch heute Mensch werden – durch uns! Wir sollen dieser Welt ein menschlicheres Gesicht verleihen. Und das ist nicht irgendeine fromme Idee, sondern ein konkreter Anruf – auch der Anruf an uns alle zur Solidarität mit den von HIV und Aids betroffenen Menschen. Wo jeder und jede von uns zupacken kann, sich engagieren kann, das lässt sich mit einem ehrlichen, sensiblen Blick durch das eigene Leben und durch die eigene Umgebung schnell erfassen.

Dass der Friede und die Freude, die in der Advents- und Weihnachtszeit besungen und verkündet werden, nicht alles sind, das wissen wir, das ist unsere tägliche Erfahrung. Unfriede und Lieblosigkeit, Ausgrenzung und Vorurteile begegnen uns sowohl in den persönlichen wie in den politischen Zusammenhängen geradezu überall. Aber Scheitern und Untergang, Missgunst und Unverständnis sind im Werdegang des Gottessohnes ebenfalls zu finden. Deshalb sind eben nicht zuerst die Geburt Jesu, sein Sterben und Tod die Ereignisse, die so heilsstiftend sind, sondern es ist vor allem die Botschaft der Auferstehung, die Verheißung von „Leben in Fülle“ für alle Menschen. Sie lassen uns wissen, dass in allem Dunkel dieser Welt immer auch ein Neubeginn steckt.

In Jesus von Nazareth hat die Liebe Gottes Hand und Fuß bekommen. Wer in die Nähe Gottes hinein findet, findet Halt und Geborgenheit. Auch dann, wenn das Leben ins Rutschen kommt, auch dann, wenn die Freude getrübt wird oder gar nicht erst aufkommt: Wir können uns auf diesen Gott verlassen, weil ER da ist! Und darum dürfen wir auch hemmungslos in allem Leid, das uns begegnet, diesen Wunsch aussprechen – hier vor allem den HIV-Positiven und Aidskranken: Gott ist mit euch! Ganz gewiss!

((14.11.16, Bild: pixabay))

Über den Autor/ die Autorin

Pater Siegfried Modenbach SAC

  • Jahrgang 1962
  • Studium der Theologie in Fulda und Ro
  • Studium der Sozialpädagogik in Fulda
  • 1990 Noviziat der Pallottiner
  • 1992-2002 Leiter des Jugendhofes in Olp
  • 1995 Priesterweihe
  • 2002-2007 Regens in Vallendar
  • seit 1. Oktober 2007 Leiter des Katholischen Forums
  • seit 2010 Vorstandsmitglied der Aidshilfe Dortmund

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