Guter Rat: die evangelischen Räte

Rat aus dem Evangelium – für alle und auch für heute

Guter Rat ist teuer, heißt es im Volksmund. Das Evangelium gibt guten Rat. Der ist nicht teuer, aber es ist auch nicht ganz einfach, danach zu leben. Man spricht von den evangelischen Räten. Das hat nichts zu tun mit der evangelischen Konfession, sondern bedeutet in einem ursprünglicheren Sinn: aus dem Evangelium kommend, dem Evangelium entsprechend. Guter Rat wird oft gesucht, gern gegeben und von Menschen, die man mag und denen man vertraut, auch angenommen. Die evangelischen Räte sind Menschen mit auf den Weg gegeben, die sich gerufen fühlen, Jesus Christus in besonderer Weise nachzufolgen, ohne dabei überheblich oder elitär zu werden. Seit alters her werden drei genannt: Armut, Keuschheit und Gehorsam.

Arm sein ist das Elend vieler Menschen. Sie leben in Armut, werden nur zu oft mit Hungerlöhnen abgespeist, müssen nicht selten auf der Straße schlafen, ohne Obdach, ohne Wohnung, ohne Perspektive. Wenn Christ*innen dem evangelischen Rat der Armut folgen, tun sie das aus eigenem Entschluss. Freiwillig versuchen sie, einfach und bescheiden zu leben. Sie streben nicht Reichtum und Geld. In religiösen Gemeinschaften haben sie meist kein persönliches Eigentum, über das sie frei verfügen können. Sie wollen vor Gott arm sein. Sie verstehen darunter eine geistig-geistliche Abrüstung vor Gott, um sich von ihm mit seinen Gaben beschenken zu lassen. Damit das Herz nicht voll sei von allem Möglichen und für Gott kein Platz mehr ist. In diesem Sinn bedeutet Armut auch, sich wie Jesus selbst an die Seite der Mittel- und Machtlosen zu stellen, an die Seite des je Schwächeren.

Keuschheit bedeutet auch Ehelosigkeit, die freiwillig gelebt wird. Viele Menschen müssen aus unterschiedlichsten Gründen allein leben oder können keine Kinder haben. Andere müssen sich bis ins hohe Alter hinein um ihre Kinder kümmern, weil sie krank sind, oder um andere pflegebedürftige Angehörige. Keuschheit und Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen bedeutet eine Haltung der Achtsamkeit, Ehrfurcht und Wertschätzung allem Lebendigen gegenüber. Dazu braucht es Zärtlichkeit und Kraft. Zärtlich oder behutsam mit mir selbst, mit anderen, mit der Schöpfung, ja auch mit Gott umzugehen, verzichtet auf Macht und Gewalt. Das aber benötigt große innere Kraft und Stärke.

Auch gehorchen müssen viele unfreiwillig. Sie werden gezwungen, der Willkürherrschaft von Machthabern zu gehorchen oder sich den Kapitalinteressen von skrupellosen Wirtschaftsbossen und Finanzhaien unterzuordnen. Gehorsam im Sinne der evangelischen Räte meint nicht Kadavergehorsam oder das Brechen des Willens eines Menschen. Vielmehr geht es darum, auf Gottes Wort zu hören und gemeinsam zu fragen, wozu und wohin Gott einen Menschen in seinen jeweiligen Lebens- und Zeitumständen ruft.

Armut, Keuschheit und Gehorsam, das klingt verstaubt, altmodisch und wenig attraktiv. Ja, es ist auf den ersten Blick nicht sonderlich anziehend, so zu leben, und es scheint auch nicht ganz unanstrengend zu sein. Dennoch sind diese Haltungen vermutlich unerlässlich, wenn wir Menschen zum Frieden finden und friedlich miteinander leben wollen. Deshalb sind die evangelischen Räte nicht nur etwas für besondere Menschen, sondern für alle, in ihren persönlichen Beziehungen und in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen. Wir leben heute in einer pluralen und säkularen Welt. Es scheint wichtig zu sein, die Welt oder ein Problem aus der Situation des je Schwächeren heraus zu sehen, auf Machtspiele und Gewalt zu verzichten und gemeinsam zu hören auf das, was weiterhilft und Zukunft eröffnet. Um Gottes und der Menschen willen.

Am 03.Oktober 2020 hat ein junger Mann seine Profess auf Lebenszeit abgelegt. In diesem Versprechen erklärt er feierlich, als Mitglied der pallottinischen Gemeinschaft nach den evangelischen Räten leben zu wollen. Es ist wie die Eheschließung eine Bindung aneinander vor Gott und aller Welt.

 

Foto: IRStone Adobe Stock

Über den Autor/ die Autorin

Pater Heinz-Willi Rivert SAC

Geboren 1960 in Rheinbach bei Bonn. Katholischer Priester in der Gemeinschaft der Pallottiner, Diplom in Theologie und in Psychologie. Ehemals in der Jugend-, Schul- und Pfarrseelsorge tätig, kurz nach der Wende von 1989 auch für drei Jahre im Bistum Erfurt. Seit 2014 tätig in der Hochschulseelsorge und in der Erwachsenenbildung an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar bei Koblenz.