Muss der Glaube unaufhaltsam verdunsten?

Muss der Glaube unaufhaltsam "verdunsten"‘? | Gedanken von Pallottinerpater Dr. Hubert Lenz SAC, WeG-Initiative Vallendar

In vielen Liedern wird der Frühling und vor allem der Monat Mai besungen. Verständlich, denn nach der Winterzeit grünt und blüht das Leben überall wieder auf. Ich freue mich über dieses neu sichtbar werdende Leben, denn solche und ähnliche Erfahrungen wecken auch in mir selbst neue Lebensgeister.

Im Blick auf Glaube und Kirche erleben die meisten derzeit wenig Frühlings- und Aufbruchsstimmung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine große Rolle spielt aber sicher, dass für viele eine große Kluft zwischen dem Glauben einerseits und dem tatsächlichen Leben andererseits besteht. Und dann stellen sich unausweichlich Fragen wie:

  • Hat Jesus Christus und seine Botschaft an Lebenskraft und Lebendigkeit eingebüßt? Erlebt man die Kirche nicht zu viel als Institution und Ordnungsmacht und zu wenig als Ort lebendigen Glaubens?
  • Ist es auch heute noch möglich, zu einer persönlichen Beziehung zu Gott zu finden?
  • Kann der Glaube mir überhaupt helfen, mit Lebenserfahrungen wie Leid und Enttäuschungen, mit Sinnlosigkeit und Schuld sowie mit Grenzen und Belastungen besser fertig zu werden?
  • Und wie finde ich ein lebendiges Verhältnis zu Gebet und Bibel?

Hinter all diesen Fragen steht letztlich die nach der „Verdunstung“ bzw. dem „Grundwasserspiegel“ unseres Glaubens. Die Energievorräte und Ressourcen werden anscheinend nicht nur im Welthaushalt, sondern auch in unserem Inneren immer knapper …

Muss das unaufhaltsam so weitergehen? Ich meine „nein“ und möchte heute ausnahmsweise den „Fixpunkt“ (d.i. „Wort zum Sonntag“ in der Koblenzer Tageszeitung) als Einladung zu einem Glaubenskurs benutzen.

Jeder, der seinen Glauben erneuern oder vertiefen möchte, ist willkommen! Besonders eingeladen sind aber „Jüngere“ – genauer: Männer und Frauen zwischen 16 und etwa 50 Jahren, die sich ähnlich wie die Emmausjünger neu auf einen Weg des Glaubens machen möchten.

Besser als über die Dunkelheit zu klagen, ist es, ein Licht anzuzünden, heißt es in einem alten Sprichwort. Für mich gilt dies auch für die gegenwärtige Situation der Kirche. Und ich würde mich freuen, wenn vielen wieder neu bzw. mehr bewusst wird, wieviel Leben und Kraft nicht nur vom Frühling, sondern auch vom Glauben an Gott ausgeht.“

Eine Beschreibung der aktuellen Situation?

So scheint es, nicht wahr? – Nein, nicht ganz: Der Text ist genau 25 Jahre alt. Mit ihm hatte ich zum ersten Glaubenskurs eingeladen, der am 5.5.1992 in Vallendar begann.

Es gibt sie immer noch, die Glaubenskurse für Erwachsene und die benannten Fragen sind nicht etwa überholt – im Gegenteil: Die erschütternden Einbrüche und die bereits vollzogenen oder noch anstehenden strukturellen Veränderungen, waren zwar vor 25 Jahren bereits absehbar, aber noch nicht so real spürbar wie heute.

Was kirchliches Leben heute braucht!

Viele Kirchenverbundene sind verunsichert, fühlen sich den Entwicklungen gegenüber machtlos und ratlos. Angesichts der immer größer werdenden pastoralen Räume haben nicht wenige Angst, ihre religiöse Beheimatung zu verlieren. Die Sakramentenvorbereitung wirkt schon lange nicht mehr nachhaltig – und was Christsein im Kern ausmacht, ist alles andere als klar.

Die Frage nach der Lebendigkeit und Verwurzelung des persönlichen und gemeinsamen Glaubens stellt sich deshalb für mich heute noch drängender als vor 25 Jahren. Die „Verdunstung“ ist ja nicht weniger, sondern mehr geworden. Doch begegnet mir in den letzten Jahren mehr als früher der Wunsch, dass wir uns als Kirche weniger mit uns selbst befassen sollten, sondern mehr mit dem, was Christsein lebendig macht und was Sendung und Auftrag der Kirche ist.

Quelle von Glaube und Kirche: Das je persönliche Freundschaftsangebot Gottes

Wünsche und Anliegen, die auf den Grund und die Quelle von Glaube und Kirche verweisen. Denn das, was uns trägt und Zukunft schenkt, ist weder die Institution noch unser engagierter Einsatz, sondern Gottes je persönliches Freundschaftsangebot. Solch eine lebendige Verbundenheit mit Gott / mit Jesus Christus sowohl persönlich zu suchen und zu pflegen als auch pastoral ausdrücklich zu fördern, ist von zentraler Bedeutung. Damit dies nicht ein Postulat bleibt, sondern „Fleisch“ wird, brauchen wir auf allen kirchlichen Ebenen mehr ermutigende Erfahrungen, dass und wie Glaube heute und morgen, persönlich und miteinander lebendig und attraktiv sein kann.

Über den Autor/ die Autorin

WeG Initiative Vallendar
WeG-Initiative Vallendar, mit Besuch des Provinzials und des Generals der Pallottiner, und dem Leiter der Initiative P. Dr. Hubert Lenz (ganz rechts)

Pater Dr. Hubert Lenz SAC

Geboren 1952 in Kassel. Katholischer Priester in der Gemeinschaft der Pallottiner, Professor für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar bei Koblenz. Lange Jahre war er Leiter des FORUM Vinzenz Pallotti in Vallendar. Vor 25 Jahren gründete er die „Initiative Wege erwachsenen Glaubens“ WeG.

2017-05-11T12:00:42+00:00 11. Mai 2017|Kategorien: Christ-Sein im Alltag|Autoren: Pater Hubert Lenz SAC|0 Kommentare

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