Wenn ein Licht aufgeht: Perspektivenwechsel

In einem Gedicht erzählt der Schriftsteller und Dichter Michael Krüger von einem zufälligen Besuch bei einem gewöhnlichen Gottesdienst in einer Dorfkirche. Alte Leute knien in engen Bänken und schauen auf einen ebenfalls alten Pfarrer, der bei seiner Predigt lustlos im Evangelium stochert. Ohne großen Trost. Ohne hilfreiche Wegweisung. Nichts Neues. Alles wie gehabt. Als aber der Besucher die Kirche verlässt, hat sich etwas gewandelt. Er ist verändert. Tut einen anderen Blick auf die Wirklichkeit.

Draußen lag ein unerwartet helles Licht über dem See, und ein Wind kam auf, der mich die Unterseite der Blätter sehen ließ.“

Eine neue Sichtweise, wie bei dem Blindgeborenen im heutigen Evangelium. Der Blindgeborene sieht, die Fragenden sind blind. Sie sind überrascht und verwirrt. Das darf doch nicht wahr sein. „Ist das nicht der Mann, der eben dasaß und bettelte? „Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich.“ Sie konnten das Neue in ihre Vorstellungen nicht einordnen.

Wie bist du sehend geworden? Das hätten die Pharisäer gerne genau gewusst.

So schildert der Blindgeborene – ermüdend oft – (in der Langform): „Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen.“ Er erhält eine neue Sehweise. Der Blindgeborene ist sehend, die Fragenden sind blind. Die Zeichenhandlung Jesu lässt in dem Blinden ein Licht aufgehen, das ihn in dem jüdischen Wanderprediger den Propheten erkennen läst.

Kennen Sie das? Überraschungen, bei denen ihnen die Augen unvermutet geöffnet wurden. Bei denen plötzlich alles in einem neuen Licht erscheint? Eine neue Sicht der Dinge sich einstellt. Perspektivenwechsel wird das genannt. Es ist ein Lieblingswort des Bischofs Georg Bätzing für den Neuanfang des Bistums Limburg. Was ist damit gemeint? „Auf die konkrete Lebenswirklichkeit schauen. Vielleicht meinen wir, diese längst zu kennen. Vermutlich aber werden uns die Augen aufgehen, wenn wir die Menschen selbst fragen und sie mit ihren Erfahrungen und Bedürfnissen zu Wort kommen lassen.“ So könnte uns ein unerwartet helles Licht aufgehen. Nicht geplant, nicht vorgesehen. Es ist da und will einfach wahrgenommen werden.

(Inspiration und Zitat aus: S. Kleymann, „Ein unerwartet helles Licht“, in: PK 2017/2, S. 241f; 20.03.17)

Über den Autor/ die Autorin

Karl Heinen SAC

Geboren 1935. Mit 14 Jahren besuchte er das Gymnasium der Pallottiner in Limburg. Es folgten Noviziat und Profess; später die Priesterweihe. Sein Studium der Theologie und Bibelwissenschaft absolvierte er an der Gregoriana in Rom. Nach der Promotion 1968 wurde Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar im Fach Exegese des Alten Testaments. Nach der Emeritierung 2004 als Generalprokurator der Pallottiner in Rom tätig; seit 2011 freier Mitarbeiter bei der pallottinischen Zeitschrift „das zeichen“.

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