„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn“

Diesen Satz des englischen Schriftsteller Julian Barnes finde ich spannend. Da kommt mir ein Lebensgefühl entgegen, das nicht wenige in meinem Bekanntenkreis teilen. Gott, den sie kennen gelernt haben im Religionsunterricht und in der Kirche, ist ihnen abhandengekommen. Das „Fürwahrhalten“ irgendwelcher Glaubensätze und ewiger Wahrheiten berührt sie nicht. Doch zumindest hat die kirchliche Verkündigung es vermocht, eine Sehnsucht wach zu halten: Sie vermissen Gott. Da ist eine Ahnung davon, dass Gott jemand sein könnte.

 

Die Zeit-Kommentatorin Evelyn Finger wirft die Frage auf: Warum gelingt es der Kirche, ihren Hauptamtlichen und uns Christen überhaupt so wenig, die Erfahrung zu vermitteln, dass Gott da ist. Viele Menschen suchen an verschiedenen Stellen den Kontakt zur Kirche und ihren Vollzügen. Doch das ist nicht selten ein sentimentales Verhältnis. Es tut gut, die Geborgenheit der Kindheit wieder zu wecken. Da sind Erinnerungen, die die Seele wärmen, wie z.B. das Weihnachtsfest. Ein Bekannter von mir geht an Hochfesten gerne in den Dom. Er beschreibt es: „ich gehe so gerne Oper gucken“. Doch dass Gott gut tut, dass Gott da ist, das kommt für viele nicht an. Es ist mitunter sehr schön in der Kirche und macht ein gutes Gefühl. Manchmal ist es jedoch wie der Tanz um ein Schneckenhaus, aus dem die Schnecke schon längst ausgewandert ist – wie es Kabarettist Clemens Bittlinger provokant formulierte.

Karl Rahner formulierte es so: An den Festtagen fallen Begriffe, wie Erlösung, Rettung, Gnade von den Kanzeln, wie tote Vögel.

Liebe Mitchristen, wir kennen diese Anfragen und es beschäftigt uns ja ständig. Jesus bereitet seine Jüngerinnen und Jünger auch darauf vor, dass es nicht immer einfach ist, das Evangelium zu verkünden. Ich glaube ganz wesentlich ist, dass wir wirklich mit Gott rechnen, ihn leidenschaftlich suchen und uns, ganz auf ihn angewiesen, unter die Menschen trauen. Wirkung hat nur das, was wir mit ganzem Herzen tun. Wir sollten akzeptieren: nicht unsere Lehrsätze sind es, nicht unsere Rituale, nicht unsere Organisationen sind der Kern. Das kann alles nur ein leeres Schneckenhaus sein. Es aktiviert und dynamisiert uns, wenn wir täglich neu versuchen, ganz aus dem Vertrauen in Gott den Tag zu gestalten, Entscheidungen treffen und uns mit ganzem Herzen und ganzer Seele auf ihn ausrichten – also mit Gott wirklich rechnen.

 

Vinzenz Pallotti lebte ganz im Bewusstsein, dass Gott ihn in jeder Sekunde mit seiner Fülle durchströmen möchte. In diesem Bewusstsein und in dieser Erfahrung konnte er dann das tun, was es zu tun galt. Das war der Kern seines Wirkens. Dann wird unsere Verkündigung und unsere Liturgie zur Erfahrung der Gegenwart Gottes und Menschen spüren: Gott ist da! Er wird zur Erfahrung! Es ist eine Herausforderung und total beglückend, wenn diese Erfahrung: Gott ist da, durch uns vermittelt werden darf. Das macht die Seele satt und gleichzeitig werden die atomaren Kräfte des Segens in uns aktiviert, wie es unser Mitbruder Johannes Kopp formulierte. Dass die atomaren Kräfte des Segens in uns neu entfacht werden, wünsche ich uns allen von ganzem Herzen. ((07.16, Bild: pixabay))

Über den Autor/ die Autorin

Pater Michael Pfenning SAC

Pater Michael Pfenning SAC (geb. 1959 in Spaichingen) trat nach einer Krankenpfleger-Ausbildung 1980 der Gemeinschaft der Pallottiner bei und studierte Theologie. Seit 2013 ist er als Vizeprovinzial der Pallottiner in Friedberg ansässig. Weitere Informationen auf der Website der Pallottiner.