Aschermittwoch - Vom reinen Gewissen

Die fünfte Jahreszeit , in der wir alle so kreuzfidel waren, ist vorbei. Ab heute sind wir kreuzbrav, lassen uns ein Aschenkreuz auf die Stirn zeichnen. Aber wer bitteschön sündigt denn heute noch? Allenfalls bei der dritten Schwarzwälderkirschtorte. Diese Sünde wird streng geheim gehalten … Der Aschermittwoch erinnert uns an unsere staubige Vergänglichkeit. Der Priester spricht die Worte:“ Kehre um und glaube an das Evangelium!“ Es wäre ja schön, wenn wir umkehrten; doch die Kirchgänger fühlen sich nicht angesprochen, weil sie ja schon fromm sind. Und die anderen hören die Worte nicht. Dumm gelaufen.

Dabei müssen wir uns alle täglich bekehren; ich hab es schon tausendmal gemacht. Das ist nicht schwer; man muss sich nur seiner Sünden bewusst werden und bereuen. Und dann geht es wieder von vorne los. Sehr praktisch. Umkehr ist in Wahrheit mühselig. Also zuerst müh und dann später selig. Und wenn Sie sich mal Ihren Hauptfehler anschauen, kommen Sie an die Grenzen Ihres Charakters. Ach, Sie haben keinen? Wie wär’s denn mit den folgenden Vorschlägen: Neid, Habgier, Rechthaberei, Mobbing, Mitmenschen austricksen und sie schlecht reden. Nichts dabei? Respekt! Aber verfallen Sie nur ja  nicht der Illusion, heilig zu sein. „Geschwundenes Schuldbewusstsein“ nennen das die Psychologen. Die Bibel nennt es „Verblendung“. Es ist Zeit, in Sack und Asche zu gehen und ein Aschekreuz auf der Stirn zu haben, die wir Gott bieten. Wir sind alle Sünder. Nur die haben ein vermeintlich reines Gewissen, die es nie benutzen.

Über den Autor/ die Autorin

Pater Dr. Jörg Müller SAC

Pater Dr. Jörg Müller SAC stammt von Bernkastel-Kues an der Mosel (geb 1943). Er durchlitt die Schulzeit, ist zweimal sitzengeblieben, und hat sich dann in den Studien der Theologie , Philosophie und Pädagogik (Trier, Innsbruck), Psychologie und Pathologie (Salzburg) davon erholt. Er war Lehrer an verschiedenen Schulen in Trier, Salzburg, Tamsweg und Saarburg, dann Psychotherapeut mit eigener Praxis, bis ihn der Frust packte und er in Tunesien eine T-Shirt-Fabrik baute. Vom Partner betrogen,  kehrte er zurück nach Deutschland und trat in die Gemeinschaft der Pallottiner  ein. Das war 1989 am Tag des Mauerfalls. Im Pallotti Haus Freising gründete er die Heilende Gemeinschaft, eine stationäre, therapeutische Einrichtung für Menschen in seelischer Not. Inzwischen hat er über 60 Bücher geschrieben und 4 Lied-Cassetten herausgebracht; er ist unter anderem auch als Kabarettist  unterwegs.

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