Zeitungen Papst Franziskus

Wenn ein Papst nicht mehr ist, was er mal war …
- Amoris Laetitia: Geschenk oder Provokation?

Neulich wies ein pensionierter Pfarrer sehr verärgert darauf hin, dass sowohl das Apostolische Schreiben über die Liebe in der Familie von Papst Franziskus als auch die Ausführungsbestimmungen der deutschen Bischöfe dem Katechismus der katholischen Kirche widersprächen. Aber nicht nur das, so der erzürnte Pfarrer, beide Schreiben stünden auch im Widerspruch zu allem, was das Lehramt der Kirche bisher dazu gesagt habe.

„Amoris laetitia“ und die Erläuterungen des päpstlichen Schreibens durch die Bischöfe scheinen für manche Christen (auch für manche Priester und Bischöfe) tatsächlich eine Provokation und alles andere als ein Gewinn zu sein. Warum ist das so?

Papst Franziskus hat nicht nur den automatischen Sakramenten-Entzug für Menschen in „irregulären Lebenssituationen“ abgeschafft, sondern er hat auch die Gewissensfreiheit des Einzelnen gegen das Lehramt gestärkt, ohne dessen Primat infrage zu stellen – zugegeben eine dialektische Übung für Fortgeschrittene.

Mit ihrer Stellungnahme führen die Bischöfe die Revolution nun offiziell in Deutschland ein. Und selbst der Passauer Bischof (und Traditionalist) Stefan Oster sagte in einem Interview: „Das Resultat ist ein ausgewogener Text, dem viele folgen können – ich selbst eingeschlossen …“
Seit Franziskus ist eben auch ein Papst nicht mehr das, was er mal war. Immer wieder fordert Franziskus seine Bischöfe dazu auf, selbst zu denken – ein unerhörter Vorgang! 30 Jahre haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. die Bischöfe auf unbedingten Gehorsam gedrillt. Und jetzt sollen sie (und mit ihnen alle Christgläubigen) sich die Freiheit nehmen, eine eigene Meinung zu haben?
Kein Wunder, dass das anfangs viele überforderte, auch so manche deutschen Bischöfe. Wer dagegen in der Vergangenheit aus Überzeugung oder Kalkül stets einer Meinung war mit dem polnischen und später mit dem deutschen Papst, tut sich heute leichter, dem argentinischen zu widersprechen.
Es geht um die Deutungshoheit, nichts weniger. Anders als früher liegt die nicht mehr beim Papst und in der Glaubenskongregation, sondern ist eine Sache aller geworden, die in der Kirche Verantwortung tragen. Deshalb reicht es nicht mehr, dass einer sagt, wo es langgeht. Jetzt muss die Richtung mehrheitsfähig sein.

Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben die Deutsche Bischofskonferenz in den letzten 30 Jahren oft genug geprügelt, so dass sie zeitweise Angst hatte vor ihrem eigenen Schatten. Die Prügel waren oft nur die Reaktion auf die Vorstöße einiger weniger. Schon 1993 machte sich der damalige Bischof Karl Lehmann stark für die Barmherzigkeit mit den wiederverheirateten Geschiedenen. Das „kostete“ ihn damals die Kardinalsehre. Das rote Birett wurde ihm lange Zeit verweigert.

Ist „Amoris laetitia“ nun eine Provokation oder nicht? Letztlich kann man sagen, hat durch das päpstliche Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ eine sehr differenzierte Betrachtungs- und Vorgehensweise in der Kirche Einzug gehalten. Und das ist in jedem Fall ein Gewinn, ja, ich würde sagen: ein echtes Geschenk für die Kirche, weil es nicht von oben herab sanktioniert, sondern vor allem das Gewissen der Gläubigen und die Seelsorge vor Ort ernst nimmt und in den Mittelpunkt stellt. Wer sich dadurch provoziert fühlt, sollte sich fragen, warum.

Über den Autor/ die Autorin

Pater Siegfried Modenbach SAC

  • Jahrgang 1962
  • Studium der Theologie in Fulda und Ro
  • Studium der Sozialpädagogik in Fulda
  • 1990 Noviziat der Pallottiner
  • 1992-2002 Leiter des Jugendhofes in Olpe
  • 1995 Priesterweihe
  • 2002-2007 Regens in Vallendar
  • seit 1. Oktober 2007 Leiter des Katholischen Forums
  • seit 2010 Vorstandsmitglied der Aidshilfe Dortmund

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